Graf Saint Germain in der Literatur Namens-wechsel Friedhard Radam Bilder Sitemap Links Literaturliste
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| Weltanschauung
Gründe personeller Art Namenswechsel, Namenverwechslung
Man kann Verläßliches nur über eine Person berichten, die man selbst kennt oder genau zu identifizieren imstande ist. Wie aber, wenn jemand als Solar ein Land verläßt und als Caldwell ein an¬deres betritt? Der Graf wird, wenn man alle Angaben zusammen¬trägt, unter 30 - 40 verschiedenen Namen geführt, von denen er sich eine unbestimmte Anzahl selbst beilegte. Sie waren sym¬bolisch (Welldone), bezogen sich auf Lebensumstände ("Surmont", als er Besitzer des Schlosses Ubbergen geworden war), gaben versteckt seine Identität zu erkennen (Tsarogy) oder waren frei erfunden. Neben diesem einfachen Sichzulegen eines fiktiven Namens gibt es aber noch die Version, "Saint-Germain" sei, mit oder ohne Wissen der Betreffenden, vorübergehend in die Iden¬tität lebender und, was die Angelegenheit noch heikler macht, durchaus bekannter Zeitgenossen geschlüpft. Dazu zählen eigenartigerweise besonders Schriftsteller, wenn auch nicht gerade Voltaire und Beaumarchais. Genannt werden Louis Dutens, Verfasser der "Mémoires d'un voyageur qui se repose", und der Abbè Raynal. An anderen wäre anzuführen der Chevalier d'Eon, eine Person, die für derartige Wechselspiele und Verwechslungen einigermaßen geeignet scheint, denn abgesehen davon, daß der Chevalier geheimdiplomatisch tätig war, soll man lange Zeit ge¬rätselt haben, ob er Mann oder Frau gewesen sei. (Gleiches sagte man übrigens sogar Saint-Germain nach). Ich bin nicht in der Lage, all diese Spekulationen zu durchschauen, halte aber die meisten für abwegig, zumal sie überhaupt nicht dokumentier¬bar sind (siehe euch meinen Kommentar zu Langeveld im Anhang).
Nicht folgen kann ich auch, wenn als unumstößlich hingestellt wird, Saint-Germain sei während seines Aufenthalts in Nordeuropa quasi mit dem italienischen Aufklärer Francesco Algarotti iden¬tisch gewesen und hätte über lange Zeiträume hin mit Erlaubnis von dessen Familie seinen Namen geführt. Argumente, die dagegen sprechen: Algarotti war als Verfasser des "Newtonianisme pour les dames" eine europäische Berühmtheit. Er war mit allen europäischen Geistesgrößen gut bekannt, und eine unverwechsel¬bare Erscheinung. Mit Friedrich dem Großen war er mehr als be¬kannt, nämlich befreundet auf eine Weise, in der Sinnliches eine große Rolle spielte - und ein Hang zu erotischer Sinnlich¬keit ist ein Wesenszug, dessen Fehlen bei Saint-Germain gerade auffällig ist. Überdies hat Algarotti über längere Strecken hin an Friedrichs II. Hof gelebt, während mehrere Briefe des Preußen¬königs beweisen, daß er, dem man doch geistige Neugier nachsagte, sich Saint-Germain geradezu vom Leibe halten wollte, da er ihm nicht ganz traute. Es ist auch nicht einzusehen, wes¬wegen Leopold Georg von Rakoczy sich mit einem Empfehlungs¬schreiben in eigener Sache als Saint-Germain an Friedrich wenden mußte - wie er es getan hat, da er doch als Algarotti ein enger Freund von ihm gewesen sein soll. –
Zu dem eigenmächtigen Verschwinden hinter Inkognitos kommen noch die Verwechslungen durch andere mit Trägern des gleichen Namens hinzu. An erster Stelle steht hier ein im juristischen Sinne echter Saint-Germain, der schon mehrfach erwähnte Claude-Louis de Saint-Germain, französischer Offizier und Feldmarschall (in verschie¬denen Diensten), später Frankreichs Kriegsminister. In seinen Memoiren schwieg sich wahrscheinlich Adelsstolz über unseren Saint-Germain aus. Es ist nämlich wenig wahrscheinlich, daß die beiden überhaupt nicht in gesellschaftliche Reichweite mit¬einander geraten waren, denn zum Unglück für jeden Biographen und Bibliographen lebten sie nicht nur zu gleichen Zeit, sondern sie hielten sich auch mehrere Male zeitweilig in den¬selben Gegenden auf. Zu allem Überfluß waren sie beide Schütz¬linge und Freunde des Marschalls von Belle-Isle. Der Gedanke an mögliche Konfusionen drängt sich geradezu auf. Vieles von dem, was man dem zivilen "Abenteurer" zuschreibt, geht infolge¬dessen auf das Konto des militärischen. So vor allem das angeb¬liche Wirken in Rußland. Den Berichten oder Gerüchten zufolge soll unser Saint-Germain mitbeteiligt gewesen sein an der Palastrevolution, welche die dann so genannte Katharina II. (die Große) gegen ihren Gatten angezettelt hatte. Da sie in unmittel¬barer Folge dieses Staatsstreichs ihren eigenen Mann umbringen ließ, wäre Saint-Germain mithin an einem Mord beteiligt gewesen. Es würde zu weit führen, auf die technischen Einzelheiten einzu¬gehen, die eine Verwechslung der beiden Saint-Germains zwar nahelegen, aber den unseren als Beteiligten ausschließen; je¬doch ganz abgesehen davon liegt bei Rakoczy - Saint-Germain selbst eine entfernte Mittäterschaft an einem Mord doch gänzlich außer¬halb der Persönlichkeit. Doch selbst wenn man das Mitwirken an der Revolution beließe, und sei es auch nur eine innerhalb des Palastes gewesen, bliebe die Annahme ver¬wunder¬lich, denn es gab neben der Sexualität kein anderes Gebiet, auf dem er so abstinent war wie das des Kriegswesens. Übernehmen Saint-Germain - Spezialisten diese Ungereimtheiten, so ist es schon beinahe verzeihlich, wenn große öffentliche Informationseinrichtungen das Publikum in die Irre führen.
Dafür zwei Beispiele: In der neuesten Auflage vor "Meyers Enzyklopädischen Lexikon" heißt es in dem 1981 erschienenen 28. Band, der das Personenregister enthält:
"Saint-Germain, Claude Louis Comte de, 1707-1778, frz. General u. Politiker: Lebenselixier 14/722"
Und in Band 14 findet man dann unter "Lebenselixier":
"Universalarznei, die Jugend, Schönheit und langes Leben verleihen bzw. erhalten soll... Handelsprodukt wurde das L. durch Paracelsus... Er fand später viele Nachahmer, wie z. B. im 18. Jh. den Grafen C. L. de Saint-Germain, der ein mildes Ab¬führmittel als L. verkaufte... "
Der Herr Kriegsminister wird wahrscheinlich darob vor ohnmächtigern Zorn im Jenseits den astralen Marschallstab geschüttelt haben. – |  St. Germain |