Graf Saint Germain in der Literatur

Biographische Tatsachen

 

 

Friedhard Radam

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Ich kann alle diese und andere Behauptungen hier als wenig stichhaltig übergehen. - Am häufigsten kolportiert wurde des französischen Premier- und Außenministers Choiseul Behauptung, man wisse wohl, wer dieser 'Graf von Saint Germain' eigentlich sei, nämlich ein portugiesischer Jude. Dieses in einem Anfall von Ärger dahingeredete Wort läßt, nach einem Wort Balzacs in dessen Erzählung "Katharina von Medici", in der auch vom Grafen von Saint-Germein die Rede ist, sehr schön "erkennen, dass die Historie selbst im Augenblick, wo sie vor sich geht, gefälscht wird
St.-Germain war häufiger Gast der Choiseuls. Den Minister hatte das nicht gehindert, die Abstammung des geheimnisvollen Fremden ausspionieren zu wollen, vor allem weil die unbekannten Einkommensquellen des Grafen bei ihm professionelle Neugier und Arg¬wohn weckten. Mußte das ganz und gar negative Ergebnis allein schon den an einen Erfolg seiner ausgepichten Methoden gewohn¬ten Minister irritieren, so wurde er auch noch zusätzlich ge¬reizt durch den Einfluß des Grafen auf seine Gattin, die nach den Vorschriften St.-Germains Diät zu leben versuchte. Eine pro¬vokante Situation bei Tisch entlud sich bei Choiseul in der genannten wegwerfenden Bemerkung. Sie entsprang purem Drang, sein Unwissen zu kompensieren, verbunden mit dem Bestreben, den Gra¬fen herabzusetzen. Daß er ihn dabei als "Juden" tituliert, ist kein Zufall. Auch bei anderen Zuschreibungen von Namen und Ab¬stammung ist deutlich eine antisemitische Tendenz zu spüren Was den (natürlich selbst adligen) Choiseul besonders vexierte, war das Verhalten seines Königs dem Herrn von Saint-Germain ge¬genüber. Er behandelte diesen wie, um nicht zu sagen: als seinesgleichen.
Nach den beiden Hauptannahmen, die sich inzwischen herauskristal¬lisiert haben, stammte Saint-Germein denn auch in jedem Falle aus dem europäischen Hochadel. In der Sprache des 19. Jahrhunderts: er war fürstlichen Geblüts. Eine solche Abkunft würde vieles er¬klären.
Nicht allein, daß Ludwig XV. und andere gekrönte oder einer Krone nahe Häupter in ihrem Verhalten zeigten, daß sie wüßten, wen sie vor sich hätten; die gesamte Kombination von Manieren, Weltgewandtheit und Kenntnissen in Verbindung mit einem Reichtum, dessen Ursprung niemand ermitteln konnte, der aber offenbar nicht oder nur zum Teil aus der Auswertung von Fertigkeiten oder Ge¬schäftstätigkeit stammte, weisen auf adeligen Ursprung hin. Ich will hier schon auf eine Auffassung Ceria / Ethuins eingehen, die ich später wieder aufnehme, Saint-Germains manchmal immense Mittel stammten angeblich aus dem Fundus der Rosenkreuzer, in deren Auftrag er eine Mission zu erfüllen gehabt hätte. Diese Auffassung muß der von der adeligen Geburt nicht unbedingt widersprechen. Adel kann bekanntlich verarmen, und der Graf von Saint-Germain war für seine Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft bekannt; er steckte viel Geld in Experimente, war— laut un¬serem 'Brockhaus* - "stets auf Reisen" und hat nachweislich finanzielle Verluste erlitten (Kaperung eines Handelsschiffes, an dem er beteiligt war; Versuche, die nicht, wie geplant, in¬dustriell realisiert werden konnten).
Unter Umständen könnte man sogar Saint-Germains übertriebenen Stolz auf seine in der Öffentlichkeit immer verhehlte oder nie genau spezifizierte Abstammung als Indiz für seine "hohe" Herkunft heranziehen. (Bei einem Parvenü ließe sich diese Haltung allerdings genau so gut erklären. Auch die offensichtlich monar¬chistische Gesinnung St.-G.'s wäre mit beiden Annahmen zu inter¬pretieren). Akzeptieren wir Theorie 2 (siehe weiter unten), so wäre dieser Stolz psychologisch legitimiert; Saint-Germain wäre demnach nämlich eine lange Zeit seines Lebens aus politischen Gründen gezwungen gewesen, Herkunft und wahren Namen geheimzuhalten.
Die beiden Hypothesen haben zwei Dinge gemeinsam: neben dem adeligen Stammbaum sprechen ihm beide eine deutsche Mutter zu. Saint-Germain soll sogar deutsch ohne Akzent gesprochen haben.
Diese Angabe erregt allerdings eher Mißtrauen. Denn was für einer Art von Deutsch sollte er, ein Fürstensohn des 18. Jahrhunderts, sich bedient haben? Bekanntlich konnte sich Friedrich II. von Preußen in der Sprache seines eigenen Volkes nur kauderwelschend ausdrücken. Ein Hochdeutsch als Einheitssprache gab es außerdem noch nicht; jeder, der deutsch sprach, mußte also einen bestimmten Akzent haben. - Nach Theorie 2 ist er auch vom Stadium eines kleinen Kindes an in Italien aufgewachsen, ohne Mutter, besten¬falls könnte er also eine deutschsprechende Amme gehabt haben.
Nach Hypothese l wäre Saint-Germain als der uneheliche Sohn der Witwe Karls II. von Spanien, Maria-Anna von (Pfalz-) Neuburg und des letzten sogenannten Almirant von Kastilien, / Juan-Thomas Enriques de Cabrera, Herzog von Rioseco, Graf von Melgar, im Jahre 1700 im Exil der Maria-Anna zu Bayonne geboren.
Es würde zuviel Platz beanspruchen, hier das Für und Wider zu erörtern - und damit auch, warum ich Hypothese 2 zuneige. Immer¬hin wird Theorie l von Paul Chacornac favorisiert, wohl dem gelehrtesten der Biographen St.-Germains. Sie erscheint mir selbst aber weniger plausibel als die andere zur Debatte stehende. Nach dieser Hypothese wäre "Saint-Germain" der erstgeborene Sohn des Fürsten Franz II. Rakoczy von Siebenbürgen (Transsylvanien), des Führendes Aufstands der Ungarn gegen die Habs¬burger, und dessen Gemahlin Amalie-Charlotte von Hessen-Rhein¬fels; und er wäre geboren im Jahre 1696 am 28. 5. zu Clui (Klausenburg)


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