Saint Germain

Der Wundermann Europas

 

 

Ursula Seiler-Spielmann

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aus "Zeitenschrift" 6 1995

aus "Zeitenschrift" 6 1995
Das weist daraufhin, daß das eigentliche Wesen. die eigentliche Arbeit des Grafen im Hintergrund wirkte. Wie er erfahren hatte, war es auf dem blank polierten Parkett der Höfe schwierig, eine geistig beseelte Politik durchzusetzen - zu sehr war da der Souverän auf dem Präsentierteller, zu sehr Opfer der eigenen Eitelkeit, zu sehr Gefangener diverser Verpflichtungen und Abhängigkeiten. Wo aber ließ sich am besten eine geistig beseelte Politik zum Wohle aller vermitteln? In der Verschwiegenheit der Logen, wo andere Gesetze, andere Hierarchien, andere Abhängigkeiten bestanden als in der Welt da draußen. Der wichtigste Teil der Mission Saint Germains vollzog sich also höchst wahrscheinlich in den vielen Orden und Logen, die gerade im 18. Jahrhundert eine Blütezeit erlebten: Die Malteser-Ritter, die Rosenkreuzer. die Freimaurer, die Tempelritter. Und gerade da ist es ungeheuer schwer, abzuschätzen, was vor sich ging. Daß er unter dem Namen Bailli de Solar einen wichtigen Vertrauensposten bei den römischen Malteser-Rittern einnahm, ist verbürgt. Auch, daß er immer wieder Kontakte zum Orden der Rosenkreuzer, zu den Templern und Freimaurern hatte - obwohl da mehrere Forscher sagen, er sei inspirierend tätig, nicht aber ein Mitglied dieser Orden gewesen. Der mit Saint Germain bekannte Kammerherr Bischoffwerder äußerte: „Er ist keiner der Unseren" - und auf genaueres Nachfragen:

„Er ist kein Maurer, er ist auch kein Magus, auch kein Theosoph." Talleyrand wiederum schreibt in seinen Memoiren, er habe für den naturwissenschaftlichen freimaurerischen Orden "Societät Rosecroix" gewirkt. 1740 schon hatte er in den Pariser Logen den geheimen Tempelgrad eingeführt. Sein Bestreben lag in der Zusammenfügung der äusseren Formen und inneren Vereinigung der Freimaurer-, Tempelritter- und Rosenkreuzer-Ideale, der Riten und Bräuche. Einen "Tempel der Menschheit" wollte er errichten, in dem Religionsfreiheit Voraussetzung war - oder, wie Friedrich II. es in seinem berühmten Aussnspruch gesagt hatte: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden können. Wie geschickt der Graf von Saint Germaine gewesen sein mußte, zeigt die Vollmacht, die er - dieser frei denkende und dabei doch gottergebene Geist- 1775 vom Heiligen Stuhl in Rom bekommen hatte. Darin hieß es. „Wir, Prior, Kanzler und Raden unseres Heiligen Stuhles, ermächtigen unseren Abgeordneten in den Provinzen von Deutschland, Dänemark, Schweden und Polen. unseren treuen Bruder des Heiligen Dienstes, den liebenswürdigen Theophilus, Ritter des siegreichen Schwanes, um unsere wahre und sehr alte Religion wiederherzustellen und zu verbinden mit den Logen der Freimaurer, um das Glück der Menschen zu fördern...". Hatte die versöhnliche Natur des Grafen den Kardinälen. die den im Jahre 1775 verwaisten Heiligen Stuhl umstanden, eine Alternative zur üblichen Exkommunikation der Maurer gewiesen? Hofften sie. ihn lediglich als Agenten benutzen zu können. als Spitzel, um noch besser die Tempel der Maurer auszumisten?
Oder wußten sie mehr über die Vergangenheit des Grafen? Wie Baron Gleichen in seinen "Souvenirs" erzahlt, kursierten damals in Paris Geschichten über einen Lord Gower (mit dem unverhohlen die Figur Saint Germains gemeint war), der im historischen "Marais du Temple" eine biblische Figur gewesen sein soll, ein Mann, der zur Zeit Jesu im Heiligen Lande gelebt, und der Jesus Christus, Maria, Elisabeth und Anna gekannt haben wollte. Diese Geschichten wurden in den Pariser Salons mit Faszination und ungläubigem Zweifel aulgenommen.
„Das Glück der Menschen zu fördern..." -welch wohlfeiler Wunsch in jenen schicksalsschweren Jahren des 18. Jahrhunderts, in denen auch der Widergeist sich organisierte und wie tückisches Gift in die geheimen Bruderschaften sickerte und sie zu Werkzeugen der dunklen Mächte machte. Sollte ihm Einhalt geboten werden, mußte die Vereinigung Europas alle Bereiche umfassen: Auch die geteilte Kirche. Sie wieder zusammenzuführen, war schon eines der Postulate von Gottfried Wilhelm Leibniz gewesen. dem großen Leipziger Denker (1646-1716) und wohl hervorragendsten Rosenkreuzer seines Jahrhunderts.
1777 arbeitete Saint Germain für den Vorkongreß der Präfekturen des Rosenkreuzer-Ordens in Leipzig, der Mitte Oktober stattfinden sollte. Um 1779/80 ersuchte ihn Prinz Ferdinand von Braunschweig, derFreimaurer-Loge eine Neuregelung ihrer Gesetze und Geheimhatung zu erarbeiten. 1782 wurde auf dem Kongreß zu Wilhelmsbad die Verschmelzung des Templer-Ordens mit den Logen vollzogen. Saint Germain unterzeichnete sie als "Chef de Bien".
Saint Germains Reformpläne, die er in die Logen einfließen ließ. umfaßten alle Bereiche: Fürstenerziehung, Menschenerziehung, Staatskunst, Diplomatie,  Naturlehre, Technik und Wissenschaft. In seiner Hellsichtigkeit glaubte er der jungen Generation zu dienen, indem er sie mit alter Weisheit und neuen Ideen beschenkte, analysiert Autorin Tetzlaff. Im Grunde arbeitete er daran, dem kommenden "Goldenen Zeitalter" den Boden zu bereiten. Ellen Reinhardt im Buch „Leben des Grafen Saint Germain": „... Dürften wir nun zum Abschluß diesen großen Adepten mit den Augen Leadbeaters betrachten, so erkennen wir ihn als den "Europäischen Meister", der 2000 Jahre hindurch an der Entwicklung des geistigen Lebens Europas gearbeitet hat und als kulturelles Genie. das Wissenschaft, Kunst. Politik und religiöses Fühlen miteinander vereinigt."

Am 27. Februar 1784. am Vorabend der französischen Revolution, die in einen friedlichen Prozeß münden zu lassen, eine seiner-vergeblichen - Bemühungen gewesen war, stirbt Saint Germain im idyllischen norddeutschen Städtchen Eckernförde.
Starb er aber wirklich? Als sein Schüler, der Landgraf Carl von Hessen, 1836 zu Grabe getragen wird (52 Jahre nach dem Tode von Saint Germain), wollen ihn mehrere Anwesende im Trauerzug gesehen haben, in einer seltsamen Tracht. Die Fischer von Holm, die, wie es schien, besonders hellseherisch veranlagt waren, behaupteten. der "Wundermann Europas" lebe noch.
Marie Antoinette soll von ihm nach der Stürmung der Bastille einen Brief erhalten haben, in dem er ihr riet, den Vorwand der Aufständischen zu zerstören, indem sie sich von den Personen trenne, die sie nicht mehr liebe. „Lassen Sie Polignac und Konsorten fallen. Diese sind alle dem Tode geweiht und schon für die Mörder bestimmt, die eben die Beamten der Bastille getötet haben...". Zur selben Stunde erhielt Madame Adhemar, Marie Antoinettes Vertraute, ein Schreiben: ,,Alles ist verloren. Sie sind Zeuge, daß ich alles getan habe. um den Ereignissen eine andere Richtung zu geben. Man hat mich abgewiesen. Zu spät. Ich wollte das von jenem Dämon Cagliostro vorbereitete Werk mir genauer betrachten. Es ist teuflisch... Ich verspreche, Sie zu treffen: aber fordern sie nichts. Ich kann weder dem König noch der Königin noch der königlichen Familie helfen...". Auch dieser Brief habe von Saint Germain gestammt. Wirklich? Während der Revolution sei er da und dort in Paris erschienen, öfter auch auf der Place de la Greve. wo die Hinrichtungen stattfanden.
Der "Wundermann Europas" lebt weiter in den Köpfen und Herzen jener, die seine Ideale teilen und dafür leben. Manchmal drücken sie ihre Liebe zu ihm so schwärmerisch aus wie W. R. Drake in den ..Kosmobiosophischen Schriften" 1963: „Wir können nur hoffen, daß Graf Saint Gennain unter irgend einem berühmten Namen jetzt hier unter uns wirkt und das Schicksal unserer Erde lenkt. Wenn das der Fall sein sollte, wäre unsere durch Kampf und Streit zerrissene Welt nicht verloren, denn durch seine geheime Weisheit wird die Menschheit sich zu neuem Glanz hinaufentwickeln."
Wir können sicher sein, daß er nicht nur in Köpfen und Herzen lebt, und daß er weiter baut an dem großen Plan eines Daches, das die ganze Menschheit in Glück und Frieden unter sich vereint.

aus "Zeitenschrift" 6 1995


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