Saint Germain Der Wundermann Europas Ursula Seiler-Spielmann Bilder Sitemap Links Literaturliste

aus "Zeitenschrift" 6 1995
 | aus "Zeitenschrift" 6 1995 . Später, erzählt diese Geschichte des jungen Saint Germain, habe er kurze Zeit in Siena studiert, wo es ihm aber bald zu eng geworden sei -besonders, als er von einem sienesischen Goldschmied in die hermetische Kunst der Alchemie eingeweiht worden war. In Piombino stieg er auf ein Schiff, das ihn nach Mittelamerika brachte. arbeitete in Mexiko auf Plantagen, kam zurück nach Lissabon, fand dort - oh Wunder! - ein ansehnliches Vermögen vor, das auf seinen Namen deponiert worden war und einen Brief seines längst aus Siebenbürgen vertriebenen, einsamen Vaters, der im türkischen Rodosto ein Exil gefunden hatte. Auf der Schiffsreise dorthin machte er die Bekanntschaft eines Gelehrten, von dem er viel später sagen sollte: „Ich hatte das Glück. auf meinem Wege einem weisen Manne zu begegnen, welcher mich die Natur und Gottes verborgene Geheimnisse kennen lehrte. (...) Ein natürlicher Drang zu Weltweisheit, Theologie und Naturgesetzen erwachte in meinem Innern." Mehr noch erfuhr er von jenem geheimnisvollen Manne: Von Orden und Sekten, die geheim wirkten, von verschwiegenen Zirkeln der Alchemisten und Rosenkreuzer. die damals gerade im Nahen Osten sehr aktiv waren. Sein Vater schickte ihn mit einer persönlichen Botschaft zum Sultan des Osmanischen Reichs. Saint Germain fand wärmste Aufnahme, fühlte sich gleich wohl im höfischen Milieu, in dem er Zeit seines Lebens verkehren sollte. Der Orient bot ihm noch weit mehr: Einblicke in die Kunst des Färbens, der Heilkraft orientalischer Pflan- zen. der Formeln mittelalterlicher Alchemisten und der heimtückischen Gifte Asiens. Auf dem Gebiet der Farben und der Methoden des Färbens von Seide. Baumwolle, Wolle und Leder entwickelte der Chemiker Saint Germain später viele Verbesserungen und Neuerungen, die jenem Wirtschaftszweig zugute kommen sollten. Hier nahm er auch die Spur auf, die ihn schließlich sein "Jungborn'-Wasser", das "Aqua benedetta", ein Schönheitswässerchen für verlängerte Jugend, herstellen ließ, welches besonders unter den Damen Frankreichs sehr begehrt war. So also die (re-?)konstruierte Jugendgeschichte des Grafen von Saint Germain, wie seriöse Forscher sie vorgefunden haben wollen. Allein, ob sie wirklich so verlauten ist. kann niemand sagen, und auch hier gibt es Gegenstimmen - zum Beispiel den erwähnten Rameau, der behauptete. 1701 einen etwa 50jährigen Saint Germain getroffen zu haben. Wohl möglich, daß er einem Irrtum unterlag. Andere "Eingeweihte" bringen vor, Saint Germain sei in seinem Vorleben der englische Lordkanzler und Philosoph Sir Francis Bacon gewesen. Dieser sei - anders als die offizielle Historie vermerkte - niemals wirklich gestorben, sondern nach Indien gegangen und habe sich dort die Meisterschaft erworben. um dann später als jener Reisende in Friedenssachen zurückzukommen, den wir als Saint Germain zu kennen glauben. Dies würde erklären, warum er immer gleich jung aussah, und warum er sagen konnte, er könne alle Dinge aus dein Nichts erschaffen - Meisterschaft bedeutet eben auch die Be-meisterung aller Energien, also auch der Materie. Einem Meister bereitet es keine Mühe. zu präzipitieren und zu materialisieren. da ja alle Materie bloß verdichtete Geistesenergie ist. Wie auch immer, für die Aufgabe, die ihm bevorstand. und die er zu unser aller Leidwesen nicht vollenden konnte, wie es dem göttlichen Willen entsprochen hätte, brauchte es beinahe übermenschliche Qualitäten. In einer Zeit. wo die Durchschnittsmenschen kaum reisten, also der Bewohner des angrenzenden Fürstentums schon ein Fremdling war, wo jeder kleine Fleck seine eigenen Gesetze, sein eigenes Münzwesen hatte, wo die Menschen sich nicht nur geographisch. sondern auch standesmäßig sehr als uneins empfanden, hatte er sich vorgenommen, den Gedanken der Einheit. der Gleichheit und der Brüderlichkeit unter dem Banner wirklicher Freiheit zu verbreiten. „Liberte. Egalite. Fraternite" - Begriffe. denen auch Saint Germain sich verschrieben hatte. Daß sie dann aufs Banner einer blutigen Revolution geschrieben wurden, die alles. was Frankreich groß gemacht hatte, in den Abgrund riß - einer Revolution zudem, die Saint Germain zu verhindern versucht hatte - das gehört zur Tragik des ungehörten Weisen von Europa. Von außen betrachtet war Saint Germain einfach ein raffinierter, wenn nicht gar schlauer Edelmann, vornehm, stets teuer gekleidet, offenbar unerschöpflich reich, der an diesem oder jenem Hofe auftauchte, musizierte. Konversation machte, die Damen mit neuesten wunderbaren Stoffen entzückte und mit Kosmetika, mit Fürsten Gespräche hinter verschlossenen Türen führte, um dann wieder aufzubrechen an einen anderen Hof. Näher in den Fokus genommen, fiel immerhin auf, daß er sich vieler Tarnamen bedienen mußte, verfolgt wurde von fürstlichen und königlichen Agenten, seine Tage gern in alchemischen Labors verbrachte und sich jeder Anbindung an ein Land oder einen Hof geschickt entzog. Am 10. Juni 1759 erschien im Hauptquartier des Königs von Preußen ein Geheimagent, der sich wohl "Baron de La Marche Couronne" nannte, der aber unverkennbar Saint Germain war. Friedrich II. gewährte ihm ohne Zögern Audienz. Nach der Unterredung soll der König sehr nachdenklich gewesen sein. Zehn Tage später schrieb er einen vertraulichen Brief an Georg II. von England, den Bundesgenossen Preußens, in welchem er seine Bereitschaft zur Eröffnung eines Friedenskongresses in Holland ausdrückte. Frankreich, England, Preußen und Österreich bekämpften sich im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), und Saint Germain reiste in Sachen Frieden von Hof zu Hof. Am 17. Februar 1760 schreibt Friedrich II. von Preußen an Solar (einer der Namen von Saint Germain, unter dem er auch als Gesandter des Königs von Sardinien auftrat): „Ihr ehrwürdiger Charakter ist mir sympathisch. Sie sind der geeignete Mann, meine Worte dem König von Frankreich sagen, daß Frankreich seinen Frieden mache mit Preußen und England." Der König von Frankreich, Ludwig XV., steckte derweil in argen innenpolitischen Schwierigkeiten. Unglückliche Finanzoperationen hatten die Kassen gelehrt, und der Unwille der Volkes wurde stetig größer. Ein Staatskredit mußte her, und beschaffen sollte ihn der Grafvon Saint Germain. Da die Verschuldung aber immens war, war abzusehen, daß die Darlehensgeber Sicherheiten forderten. Saint Germain sollte bitte seine alchemistischen Kenntnisse in die Tat umsetzen und wundervolle, kostbare künstliche Diamanten herstellen. Das Ansinnen des Königs bereitete Saint Germain schlaflose Nächte. Doch schließlich mußte er dem Souverän Gehorsam leisten. So reiste denn Anfang des Jahres 1760 Saint Germain nach Holland - erstens, um 30 Millionen für Louis XV. zu beschaffen, zweitens, um Friedensanbahnungen in den Botschaften Den Haags zu treffen. Diesen Auftrag hatte er geheim vom Kriegsminister Marschall Belle-Isle erhalten. Im Haag bespricht sich Saint Germain mit den Gesandten Englands und Preußens. Die Amsterdamer Kaufherren und Bankiers zeigten sich bereit. Frankreich vor dem Staatsbankrott zu retten. Dann bekommt der Duc de Choiseul Wind von den Aktivitäten des Grafen. Ihm. dem habsburgfreundlichen französischen Minister für Auswärtiges, hatte man bewußt Saint Germains politische Mission in Holland unterschlagen. Er gab Befehl, Saint Germain zu verhaften und an Frankreich auszuliefern. Und Louis XV., König ohne Rückgrat, setzte sich mit keinem Wort für seinen Retter, der ihn nicht nur aus Finanznöten befreite, sondern ihm zweimal nach Giftanschlägen das Leben gerettet hatte, ein. Nach einigem diplomatischem Wirbel wurde Saint Germain tatsächlich verhaftet, auf eigene Protestation hin jedoch wieder aus der Haft entlassen. Er hatte sich wirklich nichts vorzuwerfen. Da Choiseul aber neuerlich auf ihn angesetzt hatte, empfahl es sich, sehr dringlich nach England zu reisen. Das politische Ränkespiel erreichte ihn schließlich auch auf der britischen Insel - und der englische Staatssekretär William Pitt Lord Chatham (1708-78) ließ ihn erneut arrestieren. Als sich indes hohe Persönlichkeiten Englands und anderer Nationen um seine Freilassung bemühten, wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Mitte Mai 1760 traf er in Rotterdam ein und erzählte dort, daß er während seiner Gefangenschaft von Mitgliedern des "Geheimen Rats" konsultiert worden sei. Die Erfahrungen hätten ihn gelehrt, daß der Friede unter den europäischen Völkern niemals über eine Verständigung der Fürsten erhofft werden könne. Eine Zukunftshoffnung läge allein im einheitlichen Streben der Ritterorden und Logen. Doch bei ihnen müsse auch erst das Dach gebaut sein, unter dem der "Tempel für die Menschheit" wirksam werden könne. aus "Zeitenschrift" 6 1995 | „Graf Saint Germain, berühmter Alchemist, Prometheus gleich raubt er vom Himmelszelt die Lebensflamme, die das All erhält/' GRAF THY DE MILLY  Friedrich II
 Georg II. König von England 1783 - 1760
in „Was Samt Germain betrifft, so bin ich der einzige, dem er sich anvertraut hat. Er war der größte Geist, den ich kannte." PRINZ CARL VON HESSEN-KASSEL  Etienne Francois Choiseul 1719 - 1785 Französische Staatsmann
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