Saint Germain

Der Wundermann Europas

 

 

Ursula Seiler-Spielmann

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aus "Zeitenschrift" 6 1995

aus "Zeitenschrift" 6 1995
Gemeinhin sucht einer, der die Weltbühne betritt, um verändernd einzugreifen, auch den Applaus. Den Applaus der Massen, den Applaus der Elite oder den Applaus der Geschichte.
Durch das 18. Jahrhundert jedoch ritt eine Gestalt, die sich unzähliger Masken bediente. um unerkannt das tun zu können, was Gebot der Zeit war: Das zerstrittene Europa zu einen und unter einem Baldachin des Friedens zu vereinen. Nicht weniger als 30 Pseudonyme gab er sich. und auch der Name, unter dem er Eingeweihten bekannt ist, ist nicht sein richtiger: Comte de Saint Germain.
Wer war dieser seltsame Mann, der da aus dem Dunkel der Geschichte auftaucht, für Minuten nur und dann wieder verschwindet? Dessen Spuren so flüchtig und doch so vielbedeutend sind, daß er noch heute die Köpfe der Leute verwirrt - wie jenen des Schriftstellers Umberto Eco. der ihn als Rätselgestalt in seinem ,Fou-caultschen Pendel' pervertiert? Über den Voltaire am 15. April 1760 in Preußen an den König schrieb: „Man sagt, daß das Geheimnis des Friedens nur von einem gewissen Herrn von Saint Germain gekannt werde, welcher ehemals mit den Vätern des Konzils soupiert habe. Er ist ein Mann, welcher gar nicht stirbt und alles weiß!" - und den der österreichische Graf Philipp Cobenzl am 25. Juni 1763 so beschrieb: „Er ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand."
Seine Anhänger - und ihre Zahl wächst heute stetig - nennen ihn den "Meister von Europa", dessen Bestreben es gewesen war (und immer noch ist), die einst zerstrittenen Völker Europas unter einem Baldachin zu vereinigen. Nun, als Adept, der er war, lag sein Horizont in weiteren Zeitfernen als der unsrige. Waren nicht so zerstörerische Kriege wie jene unseres Jahrhunderts absehbar, wenn zunehmender Nationalismus von den Finanzmagnaten geschürt und schließlich entzündet wurde? Dieser Weltenbrand als Katalysator des neuen, heraufziehenden Wassermann-Zeitalters? Wären damals die Europäer Brüder geworden und hätten sie sich stärker aufs Geistige besonnen - die Kämpfe, die eine neue Schwingung, ein neues Zeitalter immer begleiten, hätten sich bloß auf der Mentalebene abspielen, sich in Disputen ausdrücken können, statt ein solch grausames Blutopfer zu fordern.

aus "Zeitenschrift" 6 1995


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