Der Graf von Saint Germain

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Scharlatanerie
... Der klügste und feinste der drei klassischen Abenteurer ist der Graf von St. Germain gewesen. Er stand im Ruf fabelhaften Reichtums. „Der berühmte Alchemist ...
www.amuseum.de/CibaZeitung/sep36.htm   - 81k - Im Archiv

Diese Internetseite scheint es nicht mehr zu geben. [Nachtrag: Sie ist wieder aufgetaucht: http://www.amuseum.de/medizin/CibaZeitung/sep36.htm]  Schade, so rasant wurde Graf St. Germain sonst nicht abgekanzelt. Hier der Text:

Der klügste und feinste der drei klassischen Abenteurer ist der Graf von St.Germain gewesen. Er stand im Ruf fabelhaften Reichtums. „Der berühmte Alchemist" wird er auf dem einzigen Porträt genannt, das wir kennen, und das wirklich ein zeitloses und hintergründiges Gesicht zeigt. Woher der Graf stammte, weiß man nicht, es heißt aus Portugal, aber nichts beweist das. Er selbst erzählte gern, daß er mit den Gästen der Hochzeit von Kana zu Tisch gesessen. Dann wieder wollte er aus dem spanischen Königshause oder von den Fürsten Rakoczy abstammen. Seine Anekdoten sprangen munter durch die Jahrhunderte, stellte ihn ein Zweifler mit Fragen, so bedeutete er ihm, daß er sich von Zeit zu Zeit aus dem Treiben der Welt zurückzöge, sich also nicht an alles erinnern könne. Er beherrschte zahlreiche Sprachen und reiste durch Länder, wie durch Jahrhunderte, Zerrbild des Wanderers zwischen den Welten. Dabei wechselte er ständig den Namen, hieß Marquis de la Croix noire, Graf Surmont, auch Graf Welldone (Wohltäter). Gelegentlich beschäftigte er sich mit Bilderfälschung, was in allen Zeiten Scharlatane magisch angezogen hat. „Ein Narr, der wundervoll singt, spielt und geigt", sagt Horace Walpole von ihm. Ubrigens ist bezeugt, daß er bei streng geregelter Lebensweise noch in hohem Alter wie ein 50 jähriger aussah. 1735 ist sein Aufenthalt im Haag nachweisbar, 1744 in England, I759 war er in Frankreich, gewann durch sein Verjüngungswasser die Gunst der Pompadour und spielte dann eine mysteriöse Rolle bei den Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und England. Der Herzog von Choiseul brach seinen Einfluß, worauf der Abenteurer verschwand, man weiß durch Jahre nichts von ihm, dann tauchte er in Rußland, Italien, Deutschland auf, sehr heruntergekommen, und starb 1784 in Eckernförde. Ärztlich hat er sich kaum betätigt, er interessierte sich mehr für Produktion und Absatz von Heilmitteln. Immerhin braute er ein kostspieliges Lebenselixier, den noch heute als St.Germain-Tee verbreiteten Abführtee. Er besteht aus Sennesblättern. St. Germain ist vor allem interessant durch seine Mythologisierung der Industrie. Aus seinen alchimistischen Kenntnissen schöpfte er Rezepte für Geheimverfahren in der erwachenden Seiden-, Porzellan- und Farbindustrie, auch für Weinveredlung fand er ein Verfahren. Minister und Bankleute kauften ihm seine Geheimnisse für viel Geld ab. Natürlich besaß er auch Rezepte zum Goldmachen und für eine Universalmedizin, und was für gute Geschäfte man mit dieser damals machen konnte, wird einem klar, wenn man einen Berliner Zeitungsbericht von 1779 liest: „In London schrieb ein Chymikus ohnlängst ein langes und breites von einer Universalmedicin, welche er erfunden zu haben vorgab, und reichte seine Schrift versiegelt im Oberhaus des Parlaments ein. Die jungen Lords meinten sämtlich, daß man diese Sache ans Unterhaus weisen, und sich nur Bericht davon müsse abstatten lassen, allein die älteren waren der Meynung, eine so wichtige Entdeckung verdiente wohl, daß man sich damit beschäftige, und es sey der Müh wert sichs etwas sauer werden zu lassen, wenn man dadurch I50 Jahre alt werden könne."

 

(Via Google Archivfunktion)
Weiter unten dann folgende Ergänzung:


Gegenrede von Dr. Michael Brandner

Zur Ehrenrettung des Grafen von St. Germain möchte ich darauf hinweisen, daß der Artikel "Der Scharlatan" von Grete de Francesco folgenden unsinnigen Satz enthält:

"Immerhin braute er [gemeint ist St. Germain] ein kostspieliges Lebenselixier, den noch heute als St.Germain-Tee verbreiteten Abführtee. Er besteht aus Sennesblättern."

Dazu möchte ich folgendes feststellen:
Teespezialitäten werden nicht gebraut, sondern gemischt.
Wenn der Tee aus Sennesblättern besteht, warum ist er dann kostspielig?
Ein Elixier kann kein Tee sein.
Der St. Germain-Tee besteht nicht aus Sennesblättern, sondern wird aus Fenchelsamen, Anissamen, Kaliumtartratkristallen, Weinsäurekristallen, Sennesblättern und Holunderblüten zubereitet.
Auch wenn dieser Tee aus dem oben erwähnten Grund kein Lebenselixier sein kann, so stimmt zumindest, daß St. Germain diese Spezialität als lebensverlängerndes Mittel ("Species ad longam vitam") bezeichnet hat. Es ist natürlich leicht, sich darüber lustig zu machen, daß ein Abführmittel lebensverlängernd sein soll, wenn man die medizinischen Zusammenhänge nicht kennt. Der Anspruch auf diese Wirkung ist jedoch nicht unberechtigt, denn der "St. Germain-Tee" ist ein stoffwechselverbesserndes Mittel bei akuten und chronischen "Ablagerungskrankheiten" (Rheuma, Gicht, Gallen- und Nierensteine). Er wirkt nicht nur abführend, sondern auch kühlend (temperatursenkend und entzündungwidrig), verdauungsregulierend, schweiß-, harn- und galletreibend. Wird dieser Tee richtig eingesetzt - beispielsweise bei akuten fieberhaften rheumatischen Beschwerden oder bei Fettsucht und Gallensteinen -, so kann er durchaus lebensverlängernd sein. Man kannte und nutzte eben die Wirkungen, die gewisse Abführmittel auch auf andere Organsysteme entfalten. Die im St. Germain-Tee enthaltenen Sennesblätter beispielsweise sind nicht nur abführend, sondern auch galle- und periodentreibend.
Betrachtet man die Zusammensetzung dieser Spezialität, so sieht man sofort, daß St. Germain ein Kenner und Könner auf diesem Gebiet war. So wurde beispielsweise die erhitzende Wirkung der Sennesblätter durch kühlende Salze ausgeglichen, die auf eine originelle Weise mit den Samen verbunden werden. Durch die Weinsäure erhält der Tee außerdem die Wirkung einer Fieberlimonade. Betrachtet man dann noch die vielen Variationen dieser Spezialität, die später in Europa entstanden sind, sieht man erst recht, wie viel Verstand und Künstlertum in dieser Komposition steckt.
Wenn man sich die Mühe gemacht hat, solche Heilmittel, wie den St. Germain-Tee selbst herzustellen und in der Praxis zu prüfen, hat man wenig Grund, so überheblich darüber zu urteilen, wie Grete de Francesco. Leute wie der Graf von St. Germain sind doch nicht blöd, nur weil sie vor ein paar Jahrhunderten gelebt haben!

Dr. med. univ. Michael Brandner
Arzt für Allgemeinmedizin

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