Das Zauberwasser

Im Haag

 

 

Karl May

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Aqua benetteda

Ein geschichtliches Räthsel von Emma Pollmer



„Ein Hinderniß? Wirklich? Darf ich fragen, worin es besteht, Herr Baron?“ fragte Casanova.
„Es heißt Saint Germain,“ antwortete Baron von Langenau.
„Saint Germain? Kennen Sie diesen Mann?“
„Ein wenig; doch würde ich einem Andern gegenüber wohl kaum Luft haben, dies einzugestehen. Sie kennen die Angelegenheit nicht, welche ihn nach dem Haag geführt hat?“
„Nein,“ antwortete Casanova. „Ist sie Ihnen bekannt?“
„Ja. Es handelt sich um nichts Geringeres als hundert Millionen gegen Verpfändung der französischen Krondiamanten. Dies Geschäft möchte der König ohne Einmischung seiner Minister und selbst ohne, daß sie etwas erführen, machen. Der Graf von Saint Germain hält sich für den Mann, es glücklich zu Stande zu bringen, und läßt sich in Folge dieses Selbstvertrauens nicht herbei, dem Grafen d`Affri einen Besuch zu machen.“
„Sind Sie überzeugt, daß Sie mir die Wahrheit sagen?“
„Vollständig; Herr Calcoen, ein Secretair Ihrer Hochmögenden, hat mir das Geheimniß vertraut und mich auch davon benachrichtigt, daß Saint Germain den Schönsten der Krondiamanten als Unterpfand deponiert habe. Der Stein soll prachtvoll und vom reinsten Wasser sein. Man ist nicht abgeneigt, auf das Geschäft einzugehen, und Sie sehen ein, mein bester Casanova, daß Sie darunter leiden werden. Wenn man dem Könige hundert Millionen borgt, wird man nicht geneigt sein, Ihre zwanzig Millionen umzuwechseln.“
„Sie haben Recht, und ich bin Ihnen zu großen Danke verpflichtet. Ich verstehe vollkommen den Wink, welchen Sie mir geben wollen, und will Ihnen auf offen sagen, daß die hundert Millionen des Königs mir nicht so sehr am Herzen liegen als meine zwanzig; der Mensch ist ja Egoist. Sie scheinen bereits über diese Sache nachgedacht zu haben; können Sie mir vielleicht einen guten Rat ertheilen?“
„Ein Mann von Ihren Fähigkeiten bedarf des guten Rathes nicht, aber ich werde Sie dem Banquier Adrian Hope vorstellen, welcher die entscheidende Stimme in der Saint Germain´schen Angelegenheit hat und Ihnen in der Ihrigen auf meine Empfehlung bin gern nützlich sein wird. Sodann kenne ich hier einen ausgezeichneten Chemiker, der ein armer aber ehrlicher Mann ist und sich von dem Aplomb des Grafen nicht im Geringsten blenden lassen wird. Sie verstehen mich?“
„Sehr gut! Er wird den Krondiamanten untersuchen. Wollen Sie mich auch mit ihm bekannt machen?“
„Sobald Sie es wünschen. Er heißt Van Holmen und wohnt hier ganz in der Nähe, für Vertraute ist er auch das Nachts zu sprechen.“
„Wollen wir ihm noch diesen Abend unsern Besuch machen?“
„Ich stehe Ihnen zu Diensten! Ich glaube nicht,“ setzte der Baron mit seinem Lächeln hinzu, „daß der Graf d´Affri Veranlassung oder Neigung hat, Saint Germain zu protogiren. Wüßte ich, daß Sie die Neigung dieses Gesandten besitzen, so würde ich darauf hindeuten, daß ein Brief von ihm an den Minister die Pfandanleihe sehr in Frage stellen dürfte.“
„Lassen Sie mich machen, Herr Baron! Der Graf befindet sich über die Sendung Saint Germains im Unklaren; indem Sie es mir möglich machen, ihn zu unterrichten, erweisen wir ihm einen Dienst, der ihn veranlassen wird, sich mir gefällig zu erweisen. Ich werde sogleich mit ihm sprechen!“
Casanova erhob sich, um den ausgesprochenen Vorsatz auszuführen. Der Baron von Langenau blieb mit dem Bewußtsein zurück, dem Grafen Saint Germain die erste Rate für das Andenken an den Park zu Verseilles zurückzahlen zu können.
Als die Anwesenden sich zurückzuziehen begannen, entfernten sich auch die beiden Männer. Nach kurzer Zeit standen sie vor der Hinterthür eines kleinen, unscheinbaren Häuschens, aus dessen Schornsteine sie trotz der Nacht einen dichten, dunklen Rauch aufsteigen sahen, in welchen sich zuweilen roth und blau glühende Funken mischten.
Langenau pochte auf eigenthümliche Art, worauf die Thür sich von selbst öffnete und sich ebenso hinter den Eintretenden wieder schloß. Nachdem sie einen kurzen, engen Flur durchschritten hatten, kamen sie an einen verräucherten, niedrigen Raum, dessen Ausstattung ihn als Laboratorium kennzeichnete. Unter einer Menge von Gläsern, Retorten, Tiegeln und allerlei seltsam geformten Gefäßen kauerte ein kleines, dürftiges Männchen, welches sich um die Eingetretenen gar nicht zu kümmern schien, sondern mit größter Aufmerksamkeit dem Erkalten einer metallischen Flüssigkeit zusah, welche in eine Sandform ausgegossen worden war. Erst als sie sich in Zustande der Erkaltung befand, erhob er sich, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Es geschah einfach und mit Herzlichkeit; er hatte nicht das Geringste von dem Wesen eines Charlatans an sich.
„Wie kommt es, Herr Baron,“ frug er, „daß ich Sie heut´ noch so spät bei mir sehe?“
„Ich wollte Ihnen Herrn Casanova vorstellen, der vielleicht nächstens Gelegenheit haben wird, sich für Ihre Kunst zu interessieren.“
„Herr Jacob Casanova aus Venedig?“
„Ja,“ antwortete der Genannte. „Sie verzeihen, daß mir der Name Van Holmen nicht unbekannt ist!“
„Sie sind ein Freund der Frau d´Ilfré in Paris?“
„Ja. Kennen Sie diese Dame?“
„Ich stehe mit ihr in Briefwechsel. Sie hat mir oft von Ihnen geschrieben. Ich erwarte soeben einen Mann, welchen Sie vor einigen Wochen bei ihr gesehen haben.“
„Darf ich fragen, wer dieser Mann ist?“
„Der Graf von Saint Germain.“
„Ah!“ rief Casanova erstaunt. „Zählen Sie ihn zu Ihren Freunden?“
„Ich? Hm!“ schüttelte der Chemiker stolz mit dem Kopfe. „Es gibt Hunderte, die ihn fast wie einen Gott verehren, ich aber halte ihn für einen klugen Quacksalber, der es versteht, aus den Dukaten anderer Leute sechzehn karätiges Gold für sich zu machen. Er ist jetzt hier und benachrichtigte mich durch seinen Diener, daß er mir kurz nach Mitternacht einen Besuch machen werde. Ich bin neugierig zu erfahren, was ihn zu mir führt.“
„ Ein glücklicher Zufall“, antwortete der Baron von Langenau. „Grad der Graf ist es, wegen dem wir zu Ihnen kommen. Er ist beauftragt, oder giebt wenigstens so an, die französischen Kronjuwelen gegen die Summe von hundert Millionen zu versetzen, und hat mit der Bitte um sofortige Auszahlung von hunderttausend Gulden den größten der Diamanten zu Kaution gestellt. Ich sage Ihnen dies, weil ich weiß, daß Sie verschwiegen sind. Die Freundschaft zwischen diesem Grafen und dem Könige von Frankreich muß eine sehr innige und vertrauensvolle sein.“
„Ja, entweder,“ versetzte Van Holmen; „oder ist das Vertrauen des Grafen auf die Naivität anderer Leute ein eben so großes! Ich errathe den Wunsch, welchen Sie mir vorzutragen beabsichtigen; Sie brauchen ihn also gar nicht auszusprechen. Hören Sie, es klingelt! Er wird es fein. Treten Sie in dieses Kabinet; er soll von Ihrer Anwesenheit Nichts merken.“
Er öffnete eine hinter dem Rauchfange verborgene Thür und wies die beiden Männer in ein kleines Kämmerchen, welches von dem Laboratorium nur durch eine dünne Wand getrennt wurde, so daß man jedes Wort, welches in demselben gesprochen wurde, vernehmen konnte. Sie hörten das Geräusch der Thüren und waren dann Zeugen eines zwar kurzen aber interessanten Gespräches.
„ Sie sind Van Holmen?“
„Ja.“
„Ich bin der Graf von Saint Germain.“
„So.“
Saint Germain hatte jedenfalls erwartet, zu imponiren. Das einfache „So“ des Chemikers schien ihn zu ärgern.
„Sie haben wohl noch gar Nichts von mir vernommen?“ frug er kurz und gestoßen.
„Viel ist es nicht, was ich hörte.“
„So werden Sie desto mehr noch zu vernehmen haben! Ich komme, um ihnen ein gutes Geschäft anzutragen.“
„Worin besteht es?“
„Haben Sie Kenntniß von meinem berühmten Aqua benedetta?“
„Ja.“
„Ich habe dem Könige von Frankreich und der Marquise von Pompadour davon geben müssen; der Vorrath geht zur Neige, und der König bittet mich um Erneuerung. Ich bedarf zur Herstellung des Wassers ein vollständig eingerichtetes Laboratorium, und da ich meine Apparate nicht bei mir führe, so ersuche ich Sie, mir Ihr Laboratorium auf eine Stunde abzutreten. Ich werde den gegenwärtigen Zustand desselben respectiren und biete Ihnen als Lohn für Ihre Gefälligkeit diesen Diamanten an. Ich erhielt ihn in Wien von dem Grafen Zobor; er ist seine 1200 Gulden werth.“
„Und die Ingredientien zu dem Aqua benedetta?“
„Habe ich hier in der Manteltasche bei mir.“
„Ich stehe Ihnen zu Diensten, da ich mit meiner Beschäftigung grad jetzt zu Ende bin, und werde Sie mit meiner Einrichtung hier vertraut machen.“
Es erfolgte die versprochene Instruction, welcher Van Holmen hinzufügte:
„Jetzt werde ich Sie verlassen; schalten Sie nach Belieben. Sobald Sie meiner bedürfen, ziehen Sie an dieser Glocke!“
Eine Thür ging und ward hörbar von innen verschlossen. Nach kurzer Zeit öffnete sich eine in dem Boden der Kammer angebrachte Fallklappe, und aus ihr stieg der Chemiker empor, welcher lächelnd den beiden Andern Schweigen winkte.
„Er fabricirt sein Universal-Lebenswasser,“ flüsterte er.
„Ich werde ihn beobachten!“
Er zog eine Stuhl an die Wand, stieg auf denselben und öffnete vorsichtig einen unter der Decke in der Scheidewand angebrachten Ventilator. Durch die entstandene Öffnung war es möglich, einen Blick in das Laboratorium zu werfen. Er stand eine geraume Weile auf seinen Poste, ehe er herunter stieg.
„Nun?“ frugen die Andern neugierig.
„Nichts. Er beguckt sich die Töpfe und Tiegel. Sein Aqua benedetta ist, ich bin davon überzeugt, eine ganz harmlose Mischung von Wasser mit irgend einem wohlriechenden Stoffe. Sein Besuch hat nur den Zweck der Reclame; aber es ist möglich, daß dieses Aqua benedetta für ihn zu Aqua maldetta wird. Ich meine sehr, daß er einen großen Fehler begangen hat, mir den angeblichen Diamanten des Grafen Zobor zu verschenken. Ich werde denselben einer Analyse unterwerfen. Ich hoffe, Sie werden mich bis dahin nicht verlassen.“
„Wir bleiben. Es liegt in unserm Interesse, das Resultat Ihrer Untersuchung zu vernehmen.“
Einige Stunden vergingen doch, ehe Saint Germain klingelte. Von Holmen verschwand augenblicklich durch die Fallthür und trat darauf das Laboratorium.
„Ich bin fertig,“ meinte der Graf,“ und Ihre Bezahlung haben Sie. Darf ich wiederkommen? Ich haben einige wichtige und complicirte Operationen vorzunehmen, welche eine längere Zeit erfordern als ich Sie heut brauchte. Doch wird meine Anwesenheit Ihnen keinerlei Nachtheil bringen.“
„Kommen Sie wieder, und bedienen Sie sich meiner Apparate nach Belieben!“
Der Graf entfernte sich. Der Chemiker ließ die beiden Männer wieder zu sich eintreten.
„Der Vorwand des Aqua benedetta diente als Einleitung. Wer weiß, welche chemischen Prozesse er vorzunehmen hat, die mit seinen hundert Millionen in Beziehung stehen. Jetzt aber werde ich vor allen Dingen den Diamanten prüfen.“
Er schürte das bereits ausgegangene Feuer von Neuem an, füllte verschiedene Gefäße mit eben so verschiedenen Ingredientien und unterwarf den Stein einem Verfahren, zu welchem selbst Casanova, der sich guter Kenntnisse in der Chemie rühmte, die Einsicht fehlte. Die Prozedur nahm eine lange Zeit in Anspruch; der Morgen war längst angebrochen, als Sie zu Ende ging. Die zwei Zuschauer befanden sich in einer außerordentlichen Spannung, denn das Ergebnis dieser streng wissenschaftlichen Untersuchung mußte auf ihr Vorhaben von bedeutendem Einfluß sein.
„Ich bin fertig!“ entschied endlich mit triumphirender Miene Van Holmen.


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