Das Zauberwasser Im Haag Karl May Bilder Sitemap Links Literaturliste

 | Der Graf d’Affri, französischer Gesandter in den Niederlanden, hatte große Soirée. In den prachtvollen Räumen seiner Wohnung bewegten sich außer den hohen Würdenträgern der Generalstaten und den Vertretern aller europäischen Nationen eine zahlreiche Menge berühmter oder einflußreicher Privatpersonen, deren Anwesenheit der Versammlung einen weniger diplomatischen Anstrich gab, als sie sonst besessen hätte. Man hatte die Tafel aufgehoben, an welcher man mehrere Stunden lang den materiellen Freuden des Lebens gehuldigt hatte, und die Anwesenden suchten, in einzelnen Gruppen aufgelöst und in die verschiedenen Zimmer vertheilt, ihren persönlichen und staatlichen Interessen mittels einer regen, beliebig angeknüpften und ebenso leicht wieder abgebrochenen Unterhaltung nachzukommen. Ein junger Mann in einfachem , schwarzem Anzuge durchschritt scheinbar theilnahmlos die Reihen der conversirenden Herren und Damen und gelangte in ein leeres Zimmer, welches die lange Enfilade der Gemächer beschloß. Es war nur spärlich erleuchtet. Er trat an eines der Fenster und blickte, von den weit herabgehenden Gardinen vollständig verhüllt, durch dasselbe heraus in die abendliche Winterlandschaft. Da vernahm er nahende Schritte. Zwei Männer traten ein und nahmen auf einem der die Wände garnirenden Sammelpolster Platz. Ganz sicher hatten sie sich zurückgezogen, um irgend einen Gegenstand, der nicht für Jedermanns Ohren war, zu besprechen. Der junge Mann stand schon im Begriffe, aus seinem unabsichtliche Verstecke, wie es ihm die Ehre gebot, hervorzutreten, als er einen Namen nennen hörte, bei dessen Klange er zu bleiben beschloß. Er hörte daß der eine der Männer der Graf d’Affri selbst war; der Andre war der berühmte Casanova, der sich durch seine kühne Flucht aus den Bleikammern Venedigs Ruhm erworben hatte, und jetzt von Frankreich nach dem Haag geschickt war, um im Auftrage des Herzogs von Choifeul eine wichtige Geldangelegenheit zu betreiben. „Ich sage Ihnen, mein lieber Casanova, daß Sie sich mit der Hoffnung, gute Geschäfte zu machen, täuschen werden,“ meinte der Graf. „Ich hege viel Theilnahme für Sie und wünsche Ihnen das beste Gelingen, aber der König wird schlecht bedient, die Operationen des General-Controleurs haben die Nation discreditirt und man ist, ich sage es Ihnen offen, auf einen unvermeidlichen Bankerott gefaßt.“ „Das weiß ich alles sehr genau; aber ich möchte dennoch nicht ganz an dem Erfolge meiner Sendung verzagen. Es mangelt der Regierung an Geld. Ich bin beauftragt, für zwanzig Millionen französischer Staatspapiere, welche der Minister Ihnen geschickt hat, mit einem möglichst geringen Verluste gegen besser stehende ausländische Papiere umzutauschen, eine Manipulation, deren Gelingen mir nicht unmöglich erscheint, da der Minister mir versichert hat, daß der Krieg, welcher unsre Schuldscheine drückt, sich seinem Ende nähere. Die geheimen Friedensverhandlungen sind im vollsten Gange.“ „Ich will diese letztere Thatsache nicht in Abrede stellen; doch geben Sie sicherlich zu, daß ich als Gesandter über unsre politischen Hoffnungen und Befürchtungen vollständiger unterrichtet sein muß als Sie. Die Staatskasse ist leer, die Flotte ist vernichtet, unsre Heere sind geschlagen. Der Friede wird kein vorteilhafter für uns sein. Wer jetzt unsre Papiere kauft, muß lange warten, ehe er hoffen darf, sie ohne Verlust verwerthen zu können, und Herr von Benis hat mich beauftragt, Ihnen die zwanzig Millionen nur mit acht Procent Minus zu überlasen. Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß bei einem solchen Angebote Niemand kaufen wird.“ „Ich halte trotzdem meine Hoffnung fest. Wenn der König sieht, daß seine Forderung zu hoch ist, wird er sich zu einer Reduktion derselben entschließen; ich hatte heut’ eine Conferenz mit Herrn Peels und sechs anderen Compagniechefs. Sie boten zehn Millionen baar, sieben Millionen in fünfprozentigen Papieren und verzichteten außerdem auf zwölfmalhunderttausend Gulden, welche die französisch-indische Gesellschaft der holländischen schuldet; das sind neun Prozent Verlust für uns. Das Gebot scheint mir unter den gegenwärtigen Verhältnissen sehr acceptabel.“ „Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß der König zu diesem Handel in irgendeiner Beziehung stehe. Die Politik des „Deul de boeuf“ befindet sich sehr oft und so auch grad gegenwärtig in der Lage, sich der Berechnung ihrer creditirten Vertreter zu entziehen.“ „Ich verstehe Sie nicht.“ „Das ist möglich. Kennen Sie vielleicht den Grafen von St. Germain?“ „Ich habe ihn in Paris bei Frau d’Orfé gesehen. Er besitzt ganz das Aussehen eines außerordentlichen Mannes. Der König schenkt ihm sein Vertrauen und hat ihm sogar eine Wohnung in Chambord eingerichtet.“ „Ah?“ rief d’Affri erstaunt. „Dieser Abenteurer scheint vom Glücke bevorzugt zu werden. Wissen Sie, daß er sich hier im Haag befindet?“ „Kein Wort!“ „Er ist im „Prinzen von Oranien“ abgestiegen und gerirt sich mit diplomatischer Miene, ohne mich eines Besuches zu würdigen. Ich habe die Art und den Zweck seiner Sendung nicht zu enträthseln vermocht, werde mich aber auch nicht in die Gefahr begeben, mich durch eine Empfehlung bloszustellen, wenn man sich bei mir nach ihm erkundigt.“ „Im „Prinzen von Oranien“? Das ist der Gasthof, in welchem auch ich wohne!“ „Dann werden Sie vielleicht mit ihm zu sprechen kommen?“
„Auf alle Fälle, Graf.“ „Darf ich Ihnen die Geschicklichkeit zutrauen, den Zweck seines hierseins zu erfahren?“ „Ich weiß nicht, ob ich sie besitze; es kommt ja nur auf eine Probe an.“ „Versuchen Sie es. Jetzt aber lassen Sie uns zur Gesellschaft zurückkehren, man würde uns sonst vermissen!“ Als die beiden Männer sich entfernt hatten, verließ der Lauscher sein Versteck und begab sich in die vorderen Gemächer zurück. Dort trat er zu einem Manne, welcher sich eine eigenartige, männliche Schönheit auszeichnete und allein an einem der kleinen Pfeilertischchen saß. „Verzeihung, mein bester Herr Casanova,“ entschuldigte er sich, „daß ich um die Erlaubnis bitte, an Ihrer Seite Platz zu nehmen! Es treibt mich der Wunsch dazu, Ihnen nützlich sein zu dürfen.“ Der berühmte Verbannte Venedigs deutete auf einen vis-à-vis stehenden Stuhl und meinte höflich: „Die Gesellschaft des Herrn Barons von Langenau ist mir zu jeder Zeit eine angenehme! Auch ich hege den Wunsch, Ihnen dienen zu dürfen.“ „So lassen Sie mich Ihnen den ersten Beweis unserer gegenseitigen freundschaftlichen Besinnung geben! Ich höre, daß Herr von Choifeul Ihnen die Ordnung einer gewissen finanziellen Angelegenheit aufgetragen hat?“ „So ist es. Ich habe keinen Grund, aus der Sache ein Geheimnis zu machen.“ „Ich möchte gern das Meinige beitragen, Ihnen die Lösung Ihrer Aufgabe zu ermöglichen.“ „Sie würden mich Ihnen dadurch zu lebhaftem Danke verbinden,“ meinte Casanova. „Sollte vielleicht wirklich eine positive Unterstützung in Ihrer Macht liegen?“ „Nicht eine positive, sondern eine negative, aber, wie ich hoffe, darum doch keine ganz und gar geringfügige. Ich bin nämlich in der glücklichen Lage, Ihnen ein bedeutendes Hinderniß, welches sich Ihrem Vorhaben entgegenstellt und von dem Sie keine Nachricht zu haben scheinen, nennen zu können.“ |  St. Germain |